Flanierender New Worker unterwegs in den digitalen Arbeitswelten (2/2)

Im ersten Interview sprachen wir mit Bastian Wilkat über Haltungen zu New Work und Fragen rund um die Gestaltung eigener Arbeitswelten. Im zweiten Teil beleuchten wir eine Facette seiner Lebenskarriere etwas näher: reVRsed

„Digitale Geschäftsmodelle für B2B“ sind zwar kein Geschäftsfeld, auf dem wir als AviloX mitspielen, doch die DNA der Arbeitsorganisation solcher Unternehmen interessiert uns und unsere Leser dann doch.

Sven
TEIL 1: New Work – Utopie oder sogar Notwendigkeit in einer sich ständig wandelnden Welt?

TEIL 2: Praxiseinblick: New Work in einer traditionsreichen Branche (Produktion und Handel)

 

TEIL 2: Praxiseinblick: New Work in einer traditionsreichen Branche (Produktion und Handel)

Anja: Was ist das „Digitale Geschäftsmodell“ von reVRsed? Und welche Rolle spielt dabei eigentlich „New Work“?

Bastian: Mit reVRsed entwickeln, produzieren und verkaufen wir Equipment für die Virtual-Reality-Branche. Wir bewegen uns in einer traditionsreichen Branche (Produktion und Handel), die aber seit 20 Jahren in einem steten Wandel ist. Auch wenn es um ein physisches Produkt geht – unsere Geschäftsmodell-DNA ist komplett digital. Wir kommunizieren mit unseren asiatischen Produzenten per Skype und WhatsApp. Wir beauftragen und briefen Designer über Online-Plattformen. Wir verkaufen digital. Wir analysieren Käuferverhalten digital. Statt zu überlegen, an welchen Media-Markt wir unsere Taschen verkaufen (B2B), damit er uns weiterverkauft, müssen wir harte Arbeit investieren, um Amazon-, ebay- und Google-Algorithmen zu verstehen, damit wir am besten verkaufen können. Auch unsere Zusammenarbeit im Team läuft 90% digital. Es erleichtert sicher, dass es drei gleichberechtigte Geschäftsführer mit uns gibt, wir den anderen ausreichend Raum geben und keine Ideen abwürgen. Wir wechseln auch oft unsere Arbeitswerkzeuge. Von Slack zu Facebook-Messenger, von Asana zum Protokoll in GoogleDoc und alles wieder zurück, weil es in unterschiedlichen Phasen unterschiedliche Anforderungen gibt.

Wir alle sind auch öfter mal im Ausland unterwegs. Wenn jemand sagt, dass er aus privaten Gründen sieben Tage nicht erreichbar sein wird, dann ist das so und die anderen übernehmen in der Zeit. Wir hatten aber auch schon digitale Arbeitssessions, in denen einer auf Malta, der andere auf den Philippinen und wieder einer in Costa Rica war. Da wir auch alle Teil von “Friends of Doing Better” sind, haben wir auch genug Raum, unsere Arbeit zu reflektieren und uns gegenseitig persönliches und fachliches Feedback zu geben. Diese Gemengelage aus Selbstverantwortung und Freiheit (und “die eigene Haut aufs Spiel setzen”, indem wir alle ins Unternehmen investiert sind) sorgt dafür, dass wir regelmäßig neue Ideen für Innovationen und Neuprodukte haben. Wir leben also New Work. Nur nennen wir es nicht so..

Anja: Du beschreibst wie ihr im Kreis der Mitwirkenden zusammenarbeitet. Danke für diesen Einblick. Nun ist es ja leider so, dass „New Work“ zu einem Hype-Begriff geworden ist und die Illusion besteht, dass man New Work „einführen“ kann. Klar kann man Strukturen, Praktiken, Methoden und Technologien etablieren, die das, was wir unter der Überschrift New Work versammeln, wirksam auf die Wertschöpfung in Unternehmen wirken lassen.

Was würdest Du jemandem empfehlen, der eine New-Work-Initiative als Auftrag in einem mittelständischen Unternehmen bekommt? Wen sollte die Person um sich versammeln? Bei wem sollte Sie vielleicht vorsichtig sein?

Bastian: Erstmal stimme ich dir zu Anja. Aber Hypes haben den Vorteil, dass dahinter liegende Themen Aufmerksamkeit bekommen. Das sah man in den letzten Jahren mit dem Thema Industrie 4.0, wo seitdem (aber nicht zwingendermaßen deswegen) viele Investitionen in die Vernetzung und Automatisierung von Produktionsanlagen geflossen sind. Oder aktuell mit Blockchain. Vor einigen Jahren war Bitcoin das böse Drogen- und Waffenhändlergeld. Heute experimentiert fast jedes DAX-30-Unternehmen in diversen Piloten mit dieser Technologie. Und mit New Work ist das nichts anderes.

Nun zu deinem Fall: So einen Auftrag mit einem Budget zu bekommen, ist doch das Beste, was passieren kann. Wenn man selbst Überzeugungstäter ist, kann man so die Inhalte danach planen wie man sie – trotz Hype – für richtig hält. Meiner Erfahrung nach stecken hinter so einem Auftrag dennoch Ziele oder Wunschvorstellungen des Auftraggebenden. Die gilt es natürlich erstmal transparent zu machen – genauso wie das Verständnis von “New Work” (Oder “Arbeit 4.0”, “Agil”, “Buzzword-deiner-Wahl”). Danach sollte man sich ebenfalls mit dem Auftraggebenden klar machen, um welches Problem es eigentlich gehen soll. Wenn es nur ein Bauchgefühls-Problem ist, empfehle ich, dass man diese Annahmen aufschreibt und dann über interne Analysen (Recherchen, Befragungen, Workshops) überprüft. Bis dahin sieht die Welt vermutlich schon anders aus und aus der New-Work-Initiative wird vielleicht “nur” eine Mitarbeiterveranstaltung, die Einführung eines Tools oder neue Bestimmungen zur Gleitzeit… so unsexy das klingen mag. New-Work-Initiativen wegen des Namens zu machen, ist reine interne Positionierung. Wenn es der fiktiven Person Spaß macht und sie lernen kann, sehr gern. Ich persönlich halte das für Verschwendung von Geld und viel wichtiger – persönlicher Energie und Aufmerksamkeit.

Anja: Und da sind wir wieder am Boden der Tatsachen und des fundierten Bedarfs zum Initiieren von Projekten angekommen. Es geht nichts über die gute alte Schule: Problem verstehen – konkrete Lösungsideen finden – mit ausgewählten Ansätzen experimentieren – Wirksamkeit prüfen und Effekte weitererzählen… am Ende ist es egal, welchen Namen das Ganze gerade trägt. Manche Ansätze sind ja eh alter Wein in neuen Schläuchen und damit aber nicht weniger wirksam.

Vielen Dank Bastian für die Einblicke in dein New Work und den wertvollen Austausch.

Weiterführende Links:

http://revrsed.de/
http://www.the-new-worker.com/
http://bastianwilkat.de/podcast/