Open Innovation – Neue Blickwinkel und die Kunst der Wahrnehmung

Was können Unternehmen von der Kunst über Open Innovation lernen? Kann man die Wahrnehmung für Neues gezielt schulen und kann uns die Kunst dabei helfen aus konkreten Situationen heraus neues Wissen zu generieren? Darauf gingen wir mit Prof. Dr. Hornemann von Laer im dritten Teil unseres Interviews ein, um ein letztes Mal die gewinnbringenden Parallelen zwischen Kunst und moderner Unternehmenswelt aufzuzeigen.

Interview-Reihe mit Dr. David Hornemann v. Laer:

TEIL 1: Kunst und Innovation – Eine Verbindung, die Neues schafft
TEIL 2: Innovationskultur – die richtige Atmosphäre für kreatives Schaffen
TEIL 3: Open Innovation – Neue Blickwinkel und die Kunst der Wahrnehmung

 

TEIL 3: Open Innovation – Neue Blickwinkel und die Kunst der Wahrnehmung

AviloX: Open Innovation ist ein Weg den Innovationsprozess von Unternehmen nach außen zu öffnen, um das Wissen von außen für interne Fragestellungen zu nutzen, aber auch eigenes Wissen nach außen zu geben. Gibt es analoge Ansätze von offenen Schaffensprozessen auch in der Kunst?

Dr. Hornemann v. Laer: Ja, das passiert permanent. Künstler leben in engem Austausch mit ihrer Umgebung und entdecken Dinge, die da sind, um sie in ihrer Arbeit auch für andere sichtbar zu machen. Aktuell fällt mir dazu die Reaktion Ai Weiweis auf seine permanente Überwachung ein. Was hat er getan? Er macht seinerseits sichtbar, was geschieht und überwacht sich selbst mit Kameras, deren Aufnahmen man im Internet abrufen kann. Oder denken Sie an Pablo Picasso, der einen Fahrradsattel und eine Lenkerstange zu einem Stierkopf zusammenfügt und dadurch nicht nur eine verblüffende Veränderung vor Augen führt, sondern zugleich das Prinzip des innovativen Sehens selbst sichtbar macht. Denn Innovation besteht in der Kunst nicht zuletzt darin, neue Wirkungen durch eine Veränderung der Beziehungen der vorhandenen Dinge zur Anschauung zu bringen. Neues sehen zu können bedingt ja, die Welt nicht als etwas Fix und Fertiges wahrzunehmen, sondern so, wie sie jedem von uns als Kind erschien: als eine stetig sich verändernde und immer wieder neue Welt voller Möglichkeiten.

Open Innovation passiert heutzutage auch in Krankenhauspraxen. Die Patienten kommen oft wahnsinnig informiert über ihre oder die Krankheit ihres Kindes oder Partners zum Arzt und sind auf dem neuesten Wissensstand. Das kann ein Arzt bei der Vielfalt an Krankheiten, die er abdecken muss, oft gar nicht mehr leisten. Wie kann nun ein Arzt damit umgehen, dass sein Patient mehr weiß als er? Dass er sich u. U. vom Patienten erst auf den neuesten Wissenstand bringen lassen muss? Beuys sagte mal „Kunst ist, am richtigen Ort zur richtigen Zeit das Richtige tun“. Übertragen auf den Arzt heißt das: seine Kunst ist es, nicht nur das bereits vorhandene Wissen klug anzuwenden, sondern aus der konkreten Situation heraus neues Wissen zu generieren.

AviloX: Es gibt ja auch Kunstwerke, wo der Schöpfer und der Betrachter gemeinsam etwas Neues schaffen.

Dr. Hornemann v. Laer: Bedingung für ein Kunstwerk ist, dass es gesehen wird. Es ist geradezu auf den offenen, vorurteilslosen Betrachter angewiesen, um seine Wirkung entfalten zu können. Man sollte nicht vergessen, dass auch der Künstler selbst immer ein Betrachtender seines Kunstwerks ist und z.B. feststellen muss, was es zu seiner Vollendung noch braucht bzw. wann es fertig ist. Oder denken Sie an die Kadenz in einem Stück von Mozart für Sologeige und Orchester. Dieser vom Komponisten vorgesehene Soloteil in einem Konzert gibt dem Interpreten einerseits die Möglichkeit, sein virtuoses Können zu zeigen, andererseits zeigt es, wenn er die Kadenz aus dem Moment heraus neu schafft, welches Inspirationspotential in der Musik von Mozart oder anderen Komponisten steckt.

So ist das Kunstwerk – egal ob ein Gemälde oder ein Musikstück – auch zu verstehen als etwas, das anregen möchte zu einer eigenen schöpferischen Leistung, zu einer Kadenz.

Übertragen auf die Unternehmenswelt bedeutet das, es dem Kunden nicht nur vorgefertigte Lösungen anzubieten, sondern für ihn einen Raum zu öffnen, in dem er selbst auf gute Ideen kommen und Lösungen finden kann, an deren Zustandekommen er selbst beteiligt ist.

AviloX: Wie schult und entwickelt man solche Fähigkeiten?

Dr. Hornemann v. Laer: Der erste Schritt ist, sich überhaupt bewusst zu machen, dass es solche kreativen Prozesse gibt. Dafür kann man beispielsweise einen Künstler ins Unternehmen holen und ihn dort machen lassen, was er will. Diesen Menschen dann in seinem Tun zu begleiten, ein Interesse für ihn und seine Arbeit zu entwickeln und für die Möglichkeiten, die daraus erwachsen wie zum Beispiel neue Blickwinkel und Perspektiven, schult die Aufmerksamkeit, die eine der Fähigkeiten bereits ist.

Ein historisches Beispiel für die Situation, das ein Künstler in ein Unternehmen mit einsteigt ist übrigens die Situation, als Papst Julius II. 1508 den Künstler Michelangelo von Florenz abwarb, um ihn zu sich nach Rom an seinen Hof zu holen. Dort sollte er ihm die Decke seiner Hauskapelle, also die Sixtinischen Kapelle ausmalen. Interessant dabei ist die Tatsache, über die Michelangelo in einem Brief selbst berichtet, dass ihm der Papst völlig freie Hand bei der Ausgestaltung gab und ihm wörtlich sagte: „Mach, was Du willst!“ Bekanntlich hat Michelangelo ja dann auch die gewohnten Perspektiven gesprengt bzw. erweitert und dadurch unter anderem einen Beitrag zur Weiterentwicklung der Kirche geleistet, ohne in die kirchlichen, liturgischen und sonstigen Prozesse unmittelbar involviert zu sein.

AviloX: Jemanden in Prozesse hineinzunehmen, der im Prozess gar keine Aufgabe hat und auch inhaltlich ganz fern ist vom eigentlichen Prozess, ist sehr mutig. Das ist in der heutigen Unternehmenswelt sehr ungewöhnlich.

Dr. Hornemann v. Laer: Darin steckt aber auch das Potenzial, denn wer nicht unmittelbar involviert ist wie der Künstler im Unternehmen oder am päpstlichen Hof, hat einen freieren Blick und sieht die Dinge, die ablaufen, aus einer Distanz.

AviloX: Wie kann man Wahrnehmung schulen?

Dr. Hornemann v. Laer: Wir sind im Wahrnehmen ganz blutige Laien. Im Denken sind wir unheimlich fit und schnell. Und je gebildeter wir werden, umso mehr decken wir uns ein mit Wissen, sodass wir immer schon im Voraus alles zu wissen meinen. In Bayern sagt man zu solchen Leuten „Wisser“. Das Fachidiotentum, die Berufsblindheit resultiert daraus, dass wir mit unserem Wissen alles zudecken und keinen neuen Eindruck mehr zulassen, in unseren gedanklichen Routinen feststecken. Mir scheint es immer wichtig, Nichtwissen zulassen zu können, mit nicht sofort kategorisierbaren, unverständlichen Eindrücken umgehen und sich darüber freuen zu können. Es ist ja zunächst etwas Unangenehmes. Man gibt Sicherheiten und Orientierung auf und begibt sich in Neuland, wo man erstmal nichts weiß. Wie aber soll Neues zum Vorschein kommen können, wenn es immer zugedeckt wird von bereits Gewusstem?

AviloX: Experten ins Boot zu holen, sich unvoreingenommen einem Innovationsprozess zu nähern, ist sehr anspruchsvoll. Sie laden zu Innovation ein, wissen oft aber schon vorher genau, was am Ende herauskommen soll.

Dr. Hornemann v. Laer: Auch hier braucht es wieder im ersten Schritt das Bewusstsein. Wenn ich ganz viel lese, dann beschaffe ich mir eine Brille. Aber ich brauche auch die Kompetenz, die Brille bewusst beiseite zu legen und mich auf das Thema einzulassen. Und wenn dann wieder mein Wissen hochkommt, dann brauche ich die richtigen Strategien an der Hand, dieses zu unterlaufen.

Wenn ich beispielsweise ein Bild von einem Künstler betrachte, über den ich schon viel weiß, dann schaue ich mir das Bild extra lange an. Dann kommt erst einmal das ganze Wissen über die Biografie, die Epoche, die spezifischen Eigenheiten usw. und ich kann mich daran abarbeiten. Die spannende Frage ist, was dann kommt, nach dem Wissen, was passiert, wenn ich dieses weglasse und mich rein den Eindrücken überlasse, die ich von dem Kunstwerk haben kann.

Eine andere Strategie ist es, auf den allerersten Eindruck zu achten. Er hat oft einen magischen Moment, denn da bin ich offen und unvoreingenommen. Schon wenn ich beim zweiten Mal drauf schaue, bin ich vorgeprägt. Und oft erinnern wir uns nach vielen Jahren an den ersten Moment und sagen uns, das habe ich gleich im ersten Moment so gesehen.

AviloX: Sollte man also die Experten bewusst in Settings hineinbringen, in denen sie nicht Experte sind, damit sie mal wieder erleben, wie es sich anfühlt, als Nicht-Experte etwas beizutragen?

Dr. Hornemann v. Laer: Ich habe in der letzten Woche 60 Berater durch ein Wiener Museum geführt. Erst habe ich sie im WAS abgeholt und ihnen ein riesiges Bild von Rubens gezeigt. Das haben wir uns gemeinsam angeschaut mit den ganz gewöhnlichen Fragen: Was erkennen wir? Was ist die Story? Was wollte uns der Künstler mit diesem Bild sagen? Als nächstes sind wir zu einem Spätwerk von Rubens gegangen und haben das WAS hinter uns gelassen und uns mit dem WIE beschäftigt: Wie setzt der Maler die Figuren in Szene? Wie erzeugt er die Atmosphäre im Bild? Wie verwendet er die Farben? Diesen Schritt konnten einige der Experten nicht mehr mitmachen, sie waren zu fixiert auf die Was-Fragen.

Im Workshop-Kontext lässt sich das so inszenieren, dass man zunächst einmal abholt, wo jeder Teilnehmer seine Expertisen hat, und dann aber alle auffordert, einen Stuhl weiter zu rücken in die Perspektive eines Fachgebiets, bei dem sie nicht Experte sind. Da fangen Workshops an, spannend zu werden.

Weiterführende Links:

Prof. Dr. Hornemann von Laers www.arteffects.de

Zukunft für schrumpfende Industrien – Sächsisches Textilforschungsinstitut initiiert Blueprint für Open Innovation


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Bildnachweis: Bert Kaufmann / flickr.com