Innovationskultur – die richtige Atmosphäre für kreatives Schaffen

Wie erschafft man eine Innovationskultur? Was braucht es überhaupt um kreativ zu sein? Kann ein Jeder in einem Kreativitätsprozess etwas Sinnvolles beisteuern und ist es möglich, eine entsprechende Atmosphäre zu schaffen, um tatsächlich kreativ sein zu können? Im zweiten Teil unseres Interviews mit Dr. David Hornemann v. Laer gingen wir diesen Fragen bezüglich der Innovationskultur nach, um auch hier die gewinnbringenden Parallelen zwischen Kunst und moderner Unternehmenswelt aufzuzeigen.

Interview-Reihe mit Dr. David Hornemann v. Laer:

TEIL 1: Kunst und Innovation – Eine Verbindung, die Neues schafft
TEIL 2: Innovationskultur – die richtige Atmosphäre für kreatives Schaffen
TEIL 3: Open Innovation – Neue Blickwinkel und die Kunst der Wahrnehmung

 

TEIL 2: Innovationskultur – die richtige Atmosphäre für kreatives Schaffen

AviloX: In modernen Arbeitswelten kommt man mit immer weniger Hierarchien und damit auch mit weniger Autorität aus. In der Kunstbetrachtung ist es sehr hilfreich, sich von Autoritäten frei zu machen, um seinem eigenen Denken und Wahrnehmen nicht im Weg zu stehen. Lässt sich dieser Ansatz auf moderne Unternehmenswelten übertragen?

Dr. Hornemann v. Laer: Die entscheidende Frage ist tatsächlich, inwiefern es jemand schafft, sich von äußeren und inneren Autoritäten frei zu machen, um allein dem folgen zu können, was der Sachverhalt fordert. Würde ich mich in der Kunstbetrachtung immer nur fragen, was dieser oder jener Kunstwissenschaftler zu einem Werk gesagt hat, ich käme gar nicht dazu, einen eigenen Blick, einen ganz eigenen Eindruck zu gewinnen. Wollen wir unserem eigenen Denken und Wahrnehmen trauen, dürfen wir uns nicht an der Autorität, sondern an den sachlichen Gegebenheiten orientieren können. Das Kunstwerk oder im übertragenen Sinne eine zu lösende Aufgabe oder Problemstellung muss das letzte Wort haben können.

Der Künstler wie auch derjenige, der bereit ist, sich ein Kunstwerk wirklich anzuschauen begibt sich in einen offenen Prozess im Verlauf dessen sich ihm etwas zeigt, woran er sich orientieren kann. Das Ergebnis steht nie von Anfang an fest, sondern wird erst im Verlauf dieses Prozesses sichtbar.

Auf moderne Unternehmenswelten ließe sich dieser Ansatz sehr wohl übertragen. Man müsste nur auf alles autoritätsgeleitete Handeln, d.h. auf vorab feststehende Vorgaben und Ziele verzichten lernen zugunsten eines ergebnis- und entwicklungsoffenen Vorgehens, das auf das Wahrnehmungs- und Denkvermögen des einzelnen Mitarbeiters vertraut. Nur dann ist ein sachgemäßes, an den Dingen orientiertes Handeln möglich.

AviloX: Gibt es Künstler, die technologische Hilfsmittel verwenden, um kreativ zu sein?

Dr. Hornemann v. Laer: Künstler brauchen eine bestimmte Atmosphäre, um in die richtige Stimmung zu kommen. Da kann Musik eine große Rolle spielen. Goethe hat beispielsweise, als er Iphigenie auf Tauris schrieb, im Nebenzimmer Musiker spielen lassen, um sich in die richtige Stimmung zu bringen. Manche Künstler suchen auch gern die Halbwelt auf, wo andere Gesetze herrschen oder arbeiten nachts. Auch hier geht es darum, sich nicht von einer vorgegebenen Ordnung, von dem, was „man“ tut, etwas vorschreiben zu lassen. Wer wirklich Neuland betreten will, muss dies alles loslassen können, doch das erfordert Mut, die passende Umgebung und die Bereitschaft, ganz von vorne anzufangen.

AviloX: Kann jeder Mensch ein Künstler sein?

Dr. Hornemann v. Laer: Sie spielen auf das Beuys‘sche Diktum an: „Jeder Mensch ist ein Künstler“. Ich würde Beuys zustimmen, insofern er damit auf das verweist, was in jedem einzelnen Menschen potentiell vorhanden ist. Beuys hat jedem einzelnen Menschen Mut gemacht, selbst eigene, kreative Lösungen zu suchen und sich so selbst auf dem Gebiet, wo man tätig ist, künstlerisch zu betätigen.

Wir hatten den Künstler Wolfgang Karl May aus Nürnberg für ein Semester als Artist in Residence an unsere Universität eingeladen. Er schuf unter den Augen aller in der großen Eingangshalle eine ca. 10 Meter hohe Skulptur, bei deren Entstehung wir alle zu Augenzeugen wurden. Vom Präsidium bis zum Hausmeister waren plötzlich alle im Gespräch miteinander darüber, was da entsteht. Scheinbar losgelöst von der Universität selbst wurde etwas entwickelt – bei näherer Betrachtung jedoch zeigt sich, dass es durch die soziale Interaktion ganz eng mit selbiger verbunden war.

AviloX: Bei der RWE Effizienz GmbH wurden für den Aufbau der Innovationsinfrastruktur alle Mitarbeiter in Problemlöse- und Kreativitätstechniken geschult, um in einer Kultur, wo man es nicht gewohnt war, eigenständig zu denken, erst einmal zu lernen, seine inneren Grenzen zu überwinden. Halten Sie so etwas für sinnvoll? Kann es überhaupt jeder leisten, in einem Kreativitätsprozess etwas Sinnvolles beizusteuern?

Dr. Hornemann v. Laer: Grundsätzlich würde ich das unbedingt bejahen. Gute Ideen sind nicht beschränkt auf akademische Titelträger. Gerade Professoren arbeiten oft sehr wissenslastig. Dadurch fällt es ihnen oft sogar schwerer, ganz neu auf etwas zu schauen, weil sie häufig alles schon zu wissen glauben und sich dies beweisen wollen.

AviloX: Ist es also ein guter Weg, im Unternehmen am Anfang allen das Handwerkszeug an die Hand zu geben und eine entsprechende Atmosphäre zu schaffen, um kreativ sein zu können?

Dr. Hornemann v. Laer: Wir sind potenziell alle in der Lage, etwas beizutragen. Dieses Bewusstsein zu schaffen ist uns wichtig, es soll jeder sagen dürfen, was er will. Und es soll niemand zurückhalten müssen, wenn er etwas wahrnimmt, was er für wichtig hält. Das alles schafft auch atmosphärisch eine sehr gute Basis für die weitere Arbeit. Und gerade die Atmosphäre, die durch eine entsprechende Gestaltung unserer Arbeitsumgebung entsteht, ist es oft, die uns die Lust und Liebe zum Handeln gibt und ermöglicht, aus der Routine, aus dem gewohnten Trott auszusteigen und zu innovativen Lösungen zu finden.

 

Weiterführende Links:

Erfolgsfaktor Innovationskultur von Jens-Uwe Meyer auf slideshare.net


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Bildnachweis:  Tanja Föhr / flickr.com