Open Innovation – Nicht nur im Consumer-Bereich ein Erfolgsgeheimnis: Praxisbeispiele aus dem B2B-Bereich

Open Innovation – Nicht nur im Consumer-Bereich ein Erfolgsgeheimnis
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Mit Vincent U. Aydin, Head of Business Development bei innosabi, sprachen wir in den ersten beiden Teilen unseres Interviews über Crowdsourcing Tools und deren Bedeutung für Open Innovation. Open Innovation ist dabei längst nicht mehr nur für den Consumermarkt eine effektive Innovationsmethode. Auch Unternehmen aus dem B2B Bereich entdecken das Innovations-Erfolgsrezept für sich. Im letzten Teil des Interviews gingen wir mit Hrn. Aydin auf die Suche nach spannenden Praxisbeispielen.

Interview-Reihe mit Vincent Aydin:

Vincent AydinTEIL 1: Ideenmanagement 2.0 – Warum Unternehmen Ideenmanagement heute neu denken und wie sie es einführen
TEIL 2: Crowdsourcing Tools für das interne Innovationsmanagement – Erfolgsfaktor Unternehmenskultur und die neue Rolle des Innovationsmanagers
TEIL 3: Open Innovation – Nicht nur im Consumer-Bereich ein Erfolgsgeheimnis: Praxisbeispiele aus dem B2B-Bereich

 

Open Innovation – Nicht nur im Consumer-Bereich ein Erfolgsgeheimnis: Praxisbeispiele aus dem B2B-Bereich

AviloX: Bisher sprachen wir über den internen Einsatz von Ideenmanagement Software. Daneben sind Sie auch Anbieter für Open Innovation Plattformen, also die externe Anwendung von Crowdsourcing. Open Innovation scheint immer mehr im Business-to-Business-Bereich anzukommen. Welche Erfahrungen haben Sie in diesem Umfeld mit Crowdsourcing gesammelt?

V. Aydin: Sehr gute! Open Innovation funktioniert bei weitem nicht nur im Consumer-Bereich. Mit Continental beispielsweise haben wir eine Open Innovation Plattform aufgesetzt, die sowohl den B2B- als auch den B2B2C-Ansatz umfasst. Continental lädt auf einer Plattform Landwirte zur gemeinsamen Innovation ein, aber auch Unternehmen, die diese Landwirte beliefern. Das sind beispielsweise Traktorenhersteller, mit denen dann im reinen B2B-Ansatz die Produkte weiterentwickelt werden. Wenn es um die konkreten Anforderungen für neue Produkte geht, ist es sehr hilfreich, die Anforderungen der späteren Nutzer mit einzubeziehen. Das sind dann nicht unbedingt Continental-Kunden, sondern Kunden des Traktorenherstellers. Und so entsteht eine Dreier-Beziehung, bei der auf allen Ebenen Anforderungen und Bedürfnisse abgeglichen und in realisierbare Produkte gegossen werden.

AviloX: Das klingt nach einer sehr komplexen Herausforderung, um die Erwartungen aller Beteiligten in einem solchen Open Innovation Prozess zu befriedigen. Wie gehen Sie dabei vor?

V. Aydin: Unser wichtigster Hinweis ist: Behandle deine Crowdsourcing-Community als mündige Ideengeber. Nimm sie ernst, wertschätze sie und kommuniziere offen mit ihnen. Wenn die Unsicherheit eintritt, wofür man überhaupt Ideen eingeben soll, verlaufen solche Kampagnen schnell im Sande. Wenn Sie während eines Open Innovation Projektes kommunizieren, dass Sie Ideen sammeln, um die brauchbaren Ideen wirklich umzusetzen, dann funktioniert es. Continental geht da sehr clever vor: Sie kommunizieren ganz klar ihren Mitideengebern (z.B. Traktorenherstellern): „Wenn ihr eine interessante Idee liefert, dann fertigen wir davon einen Prototypen an.“ Solche Prototypen werden anschließend auf Messen ausgestellt, um Feedbacks von den Endanwendern zu sammeln und das Produkt zu validieren oder weiter zu optimieren. Das schafft ein ungeheures Gefühl der Wertschätzung, da mit den Ideen wirklich sinnstiftend umgegangen wird.

AviloX: Gerade im Bereich Open Innovation besteht häufig der Vorbehalt, mit Wettbewerbern nicht gemeinsam innovieren zu wollen. Wie sind Ihre Erfahrungen dabei?

V. Aydin: Manchmal beschäftigen sich Unternehmen mit Fragestellungen, die nur eine Hand voll Personen lösen kann. Für solche Szenarien gibt es spezialisierte Plattformen wie InnoCentive. Hier gibt beispielsweise die NASA hoch spezifische Fragestellungen ein und findet so genau einen Experten, der dafür die eine zündende Idee hat.

Die Fragestellungen unserer Kunden sind oft so gelagert, dass daraus nicht die „Eine-Million-Dollar-Lösung“ erwartet wird. Es wird hier oft eine erste Idee gesucht, die von anderen weiterentwickelt wird und erst in der Zusammenarbeit einen wirklich innovativen Ansatz ergibt. Hier kann aber auch am Ende niemand mehr Anspruch erheben, dass ihm diese Idee gehört, denn die Qualität der Idee konnte nur durch die Community entstehen.

AviloX: Ergänzen Sie in Open Innovation Projekten neben dem Online-Tool auch Offline-Formate für gemeinsames Innovieren?

V. Aydin: Gerade bei der Frage, wie man mit den gesammelten Ideen umgeht, unterstützt Software zwar das Filtern und Priorisieren, die weitere Verfahrensweise kann jedoch auch sehr gut durch Offline-Formate unterstützt werden. Hier setzen sich interdisziplinäre Teams zusammen, um aus der Idee ein wirklich marktfähiges Produkt zu entwickeln. Eine Software würde hierbei an ihre Grenzen stoßen.

AviloX: Wie läuft genau eine Open Innovation Kampagne ab?

V. Aydin: Am Anfang steht eine konkrete Fragestellung, die man lösen möchte. Eine solche übergeordnete Fragestellung wird herunter gebrochen in Teilfragestellungen, weil diese leichter zu bearbeiten sind. Wenn Sie beispielsweise ein neues Duschgel entwickeln wollen, können Sie diese Frage direkt an einen Kunden weitergeben. Die Antworten können hierbei jedoch auch in sehr verschiedene Richtungen gehen. Wenn Sie den Mitentwickler animieren, sich über den Duft, das Aussehen und den Namen Gedanken zu machen, dann erhalten Sie mehr Informationen. Die Teilnehmer geben Ideen ein, diskutieren diese und bewerten am Ende die Ideen.

Wir legen unseren Kunden sehr ans Herz, zwischen der Ideengebung und Abstimmung einen Zwischenschritt einzulegen, bei welchem genau geprüft werden kann, welche der eingereichten Ideen prinzipiell umsetzbar sind. Nur über diese wird dann von der Community abgestimmt.

AviloX: Was ist Ihr persönliches Best Practice im Bereich Open Innovation?

V. Aydin: Kärcher wollte in einem Open Innovation Projekt einen Hochdruckreiniger für den japanischen Markt entwickeln. Es war von Anfang an klar, dass das Produkt dann über einen Homeshopping-Partner vertrieben werden sollte. Das dabei entstandene Produktkonzept erfüllt wirklich alle extrem spezifischen Bedürfnisse des dortigen Marktes. Ein Anwendungsfall war beispielsweise der Hochdruckreiniger für das Bad. Die Community hat so spezifische Ideen für Ausstattungsfeatures an die Produktentwickler gegeben, dass es nicht mehr schwer war, passende Prototypen zu skizzieren, die wiederum der Community zum Bewerten zurückgespielt wurden. Bei dieser Kampagne wurden sowohl Kunden von Kärcher als auch Fans des Homeshopping-Senders befragt. Der Moderator dieses Senders ist in Japan solch ein Star, dass sein Aufruf zu einer begeisterten Teilnahme geführt hat.

AviloX: Welche Erfahrungen haben Sie mit untypischen Crowdsourcing-Branchen wie der Versicherungsbranche oder den Banken gemacht?

V. Aydin: Diese Branchen sagen von sich selbst, dass sie wenig innovativ sind. Gleichzeitig hegen sie den Wunsch, näher an die Bedürfnisse der Kunden heranzukommen. Gerade Banken schildern uns, dass sie aufgrund des Vertrauensverlustes stärker auf Augenhöhe mit den Kunden kommunizieren müssen, um wieder Vertrauen zu schaffen und herauszufinden, was die Kunden wirklich bewegt.

AviloX: Wie schaffen Sie es als innosabi, selbst zu innovieren bei den vielen Projekten?

V. Aydin: Uns ist immer wichtig, unsere eigene Software weiterzuentwickeln und Features einzufügen, die sich unsere Kunden wünschen. Wir bieten einen sehr großen Funktionsumfang an. Und doch gibt es immer wieder Kunden, die sich neue Features wünschen. Wenn auch weiterführend der Bedarf für diese Features da ist, dann bauen wir sie ein und schaffen auf diesem Weg ein immer mächtigeres Tool.

Weiterführende Links:

Homepage von innosabi

innosabi’s Buch: Crowdsourced Innovation – Revolutionizing Open Innovation with Crowdsourcing


AviloX unterstützt Organisationen im Wandel zum Enterprise 2.0. In unserem Interview-Blog zu vernetzten Arbeitswelten gehen wir mit unserem Netzwerk in den Dialog – zum Voneinander lernen, Tipps und Tricks zur Etablierung moderner Arbeitswelten austauschen und Wissen weiterentwickeln. Ob Social Collaboration, Wissensmanagement, Open Innovation, Social Learning oder Industrie 4.0 – gern begleiten wir auch Sie als kompetenter Partner auf Ihrem Weg zum Enteprise 2.0. Mehr über uns erfahren Sie hier.


Haben Sie selbst ein Thema im Zusammenhang mit Social Software, das Sie interessiert? Oder möchten Sie uns einen geeigneten Interviewpartner empfehlen? Dann treten Sie gern mit uns in Kontakt.

Bildnachweis: flickr.com/ Serge.By.

Über Regina Köhler

Gründerin und Inhaberin von AviloX. Zehnjährige Führungs- und Beratungserfahrung bei strategischen Veränderungsprozessen in Mittelstand und Konzernen. Vereinigt einen Sinn für einfache, pragmatische Lösungen mit einer Leidenschaft für technologische Trends und ausgeprägter Inspirationsgabe. Als Mutter zweier Kinder und Volleyballerin hegt sie besonderes Interesse für moderne Formen der Kompetenzentwicklung.